Die Lehrerausbildung heute

aus: Uni-SCHNÜSS SoSe 2010


Mit Sicherheit ist die Messe EINSTIEG Abi eine der sinnvollsten Veranstaltungen, die derzeit jungen Menschen die Gelegenheit geben, in Lohn und Brot zu kommen. Entsprechend groß war der Andrang, viele Schüler kamen im Klassenverband. Auch wenn ich dieser Veranstaltung einiges Gutes abgewinnen kann, weil es sicherlich um Meilen besser ist, als das, was man mir damals als Beratung angeboten hat. Zwar bin ich nicht sicher, was facebook, twitter, etc. mit einer Ausbildung im öffentlichen Dienst oder einem ernsthaften Studium zu tun hat, aber vielleicht bin ich dafür einfach nur zu alt um das zu verstehen.

Auch finde ich den exklusiven Charakter dieser Veranstaltung äußerst beklagenswert. Hier wird immerhin denjenigen geholfen, die sowieso zu den Gewinnern des Bildungssystems gehören, dabei machen nur etwas mehr als 30% der Schüler Abitur. Diese 30% können gar nicht den kompletten Bedarf all der berufsausbildenden Aussteller decken (was die Universitäten angeht ist das natürlich etwas anderes). Warum also gibt es solche Veranstaltungen nicht für alle jungen Menschen? Warum geht die Segregation nach der Schule weiter? EINSTIEG Abi ist für mich somit eines der Schräubchen, die mitschrauben an der Bildungs- und Chancenungerechtigkeit hierzulande. Aber ich bin weit davon entfernt, eine Messe als Buhmann hinstellen zu wollen. Meiner Ansicht nach müssen alle, die am Bildungssystem beteiligt sind, sich ändern, um etwas an dieser Bildungsungerechtigkeit zu ändern. Vor allem aber auch diejenigen Schüler und Studenten, die den Beruf des Lehrers anstreben bzw. bereits Lehramt studieren.
Was diese ändern müßten? Vor allem ihre Einstellung gegenüber dem Lehrberuf!
Ich möchte hier einmal stellvertretend Aussagen einer Kommilitonin kurz vor dem Examen präsentieren, die diese am Tag der EINSTIEG Abi Messe mir gegenüber machte. Auf meine Frage, warum sie denn eigentlich den Wunsch hege, Grundschullehrerin zu werden und nicht Haupt-, Realschullehrerin, antwortete sie, dass an der Grundschule die Kinder „süß“ seien und „einen mögen“. Pubertierende Schüler „hassen Lehrer“.
Ihre ablehnende Haltung gegenüber der Hauptschule begründete sie vor allem damit, dass dort „zu viele Schüler der gleichen Art“ seien. Das Wort Migrationshintergrund hing im Raum, wurde aber nicht ausgesprochen. Sprachlich erfolgte allerdings eine Gleichsetzung von Sonderschule und Hauptschule, d.h. sie versprach sich und sprach von Sonderschülern, wo eigentlich von Hauptschülern die Rede war. Besonders erschütternd ist hieran, dass solche Dinge aus dem Mund einer „fast-Lehrerin“ kamen. Hat die im Studium nix dazugelernt? Blieb von den Inhalten der Vorlesungen bei meiner Kommilitonin nichts hängen? Meiner Erfahrung nach handelt es sich bei ihr um keinen Einzelfall. Viele bleiben statt ihren Horizont zu erweitern, statt dessen auf ihren alten und liebgewonnenen Vorurteilen hängen. Das Ableisten von Scheinen steht heutzutage im Studium im Vordergrund, die Aufnahme von Stoff im Sinne von Verinnerlichung bleibt auf der Strecke. Meine Sorge ist, dass sich eben solches durch den gestrafften „Bachelor Lehramt“ noch verschlimmern wird.
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Auch auf der Messe EINSTIEG Abi interessierte sich nur ein verschwindend kleiner Anteil der Schüler für das Lehramtsstudium mit Schwerpunkt an Haupt- und Realschulen. Anscheinend haben auch Abiturienten keine sonderlich hohe Meinung von den vermeintlich niedrigeren Schulabschlüssen. Der weitaus größte Anteil der Interessierten war weiblich und strebte das Grundschullehramt an. Der Anteil der Jungen auf der Messe mit Wunsch Lehrer zu werden, war unter 20 %. Die Bilder an den Schulen, in der Ausbildung und auf der Messe ähneln sich so auf erschreckende Weise. Ein Teufelkreis.
Ein paar Schülerinnen, welche das Gymnasiallehramt anstrebten, verirrten sich dennoch an den Beratungsstand für Grund-, Haupt-, Realschule. Eine gab widerstrebend zu, „wenn’s anders nicht geht“ statt Gymnasiallehramt das Lehramt Haupt- und Realschule auszuprobieren, nur um es allerdings, wenn der NC nicht reicht, als Sprungbrett für das Gymnasiallehramt nutzen zu wollen. Überhaupt der Gedanke schien ihr unangenehm zu sein.
Die häufigste Frage war sowieso: Wie hoch ist der NC? Die Wahl der Unterrichtsfächer fiel entsprechend nicht nach Neigung aus, sondern nach dem Durchschnitt der Abiturnote. Vulgo: Eigentlich egal, was ich mit meinem Schnitt von 2,1 bekomme, Hauptsache Lehrer. Hier ging es mitnichten um Idealismus oder das tolle Berufsbild oder gar um Inhalte, sondern um die Absicherung der Zukunft in einem sicheren, weil praktisch unkündbaren Job.
Keine einzige Frage fiel zum aktuellen hochschulpolitischen Geschehen, zum Zustand der Universität oder dem letzten Studi-Streik. Nun kann man argumentieren, dass die Schüler sich zu solchen Fragen sicherlich nicht bei einem offiziellen Stand der Universität erkundigen werden. Man könnte aber auch gerade das beklagen!

Sollten nicht bereits die Schulen den Schülern dabei helfen, ihre Persönlichkeit herauszubilden, um zu mündigen Mitbürgern zu werden? Dass Sie das Studium auch nutzen wollen, um „zu Menschen mit Persönlichkeit“ heranreifen zu wollen, gaben während der Bildungsstreiks viele Studierende als Grund an, wenn sie gefragt wurden, warum sie gegen die Einführung des Bachelors seien. Wir sollten Ihnen mehr Gehör schenken, denn anscheinend mangelt es bereits den Schülern und Studienanfänger daran.
Die immer stärkere Ausbildung einer Bildungsproduktion, die vor allem an der Höhe des Durchsatzes interessiert ist, leistet einer Maschinerie Vorschub, welche Menschen Bildungsgrade nur als Label aufklebt, nicht aber diese Menschen tatsächlich bildet.
Auch der Umstand, dass das Studium inzwischen allenthalben viel Geld kostet, wird nicht dazu beitragen, dass Studenten einmal innehalten, sich Zeit nehmen, zu reflektieren, sondern im Gegenteil, es wird dazu führen, dass sich junge Studienanfänger übernehmen, indem sie versuchen pro Semester immer mehr Kurse zu studieren, mehr als eigentlich geht, nur um ja nicht hinterher auf einem zu großen Schuldenberg zu sitzen. Diese Studenten begrüßen den Bachelor, weil er ihnen das Organisieren und ich möchte fast sagen, das Denken abnimmt.
Aber Bachelor hin oder her, ums Denken geht es in jedem Studiengang und hier müßten sich sich die Studierenden zuallererst selbst an die Nase fassen. Facebook und Twitter helfen da nicht weiter.
>Uni-SCHNÜSS im SCHNÜSS-Archiv<

 

croicell
derdichtedichter auf Qype

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